Keynesianismus

John Meynard Keynes ist wohl der Ökonom mit dem größten Bekanntheitsgrad auch bei ökonmischen Laien. Zudem sind seine theoretischen Ansätze wohl auch am meisten politisch „mißbraucht“ worden.

Seine von ihm entwickelten Theorien haben die Weltwirtschaftskrise zwischen den beiden Weltkriegen als Hintergrund. Die bis daher vorherherrschenden ökonomischen Lehrmeinungen (siehe Klassik) konnten keine ausreichenden Lösungsansätze zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit und zur Herausführung aus der großen Rezession bieten.

Gerade nach dem 2. Weltkrieg bis in die 70iger Jahre hinein wurde von vielen Regierungen versucht eine keynessche Stabilisierungspolitik durchzuführen. Im Folgenden wird der Theorieansatz vorgestellt und es wird auf seine wirtschaftspolitischen Implikationen eingegangen.

Das einfache keynesianische Modell:

1. Der Kapitalmarkt im Modell:

Im Modell von Keynes werden auf dem Kapitalmarkt Investitionen und Sparen zum Ausgleich gebracht. Wie bei den Klassikern sind bei Keynes die Investitionen negativ vom Zins abhängig, d.h. wenn der Zins sinkt steigt das Investitionsvolumen.

I = I(i)

Das Sparen hängt dagegen positiv vom realen Volkseinkommen ab, d.h. mit steigendem Einkommen wird auch mehr gespart.Wobei aber nur ein Teil des Einkommens gespart wird, die marginale Sparquote ist daher kleiner 1.

S =S (Y) ; mit S=sY (s (marginale Sparquote) <1)

Anpassungsprozesse bei einem Ungleichgewicht:

Sind z.B. die Ersparnisse größer als das Investitionsvolumen geht die Produktion zurück (der Zins ist vom Geldmarkt her gegeben und ändert sich hier nicht!). Mit abnehmender Produktion geht über den Multiplikatorprozeß die Beschäftigung und damit das Volkseinkommen und die Ersparnis so lange zurück bis wieder S = I gilt.

Die Güterproduktion bringt bei Keynes Ersparnis und Investionen zum Ausgleich!

2. Der Geldmarkt im Modell:

Auf dem Geldmarkt wird Geldangebot und Geldnachfrage zum Ausgleich gebracht. Bei Keynes ist das Geldangebot autonom vorgegeben (z.B. von der Zentralbank).

M = Ma

Die Geldnachfrage bestimmt sich nach der keyneschen Liquiditätspräferenz. Die Wirtschaftssubjekte halten Geld demnach zu Transaktionszwecken und zu Spekulationszwecken (auf die Vorsichtskasse wird hier verzichtet). Die Transaktionskasse hängt positiv vom Einkommen ab, d.h. mit steigendem Einkommen nimmt auch die Geldnachfrage zu Transaktionszwecken zu. Die Spekulationskasse demhingegen ist Zinsabhängig. Sinkt der Marktzins steigen die Kurse der festverzinslicher Wertpapiere (auf eine genaue Erklärung soll hier verzichtet werden). Mit zunehmendem Sinken des Zinsniveaus rechnen immer mehr Wirtschaftssubjekte mit Kursverlusten, die auch nicht, bedingt durch den niedrigen Zins, durch Zinsgewinne kompensiert werden können. Also wird die Präferenz für Kasse mit sinkenden Zins zunehmen.

L = L (Y,i)

Im Gleichgewicht gilt nun Geldangebot gleich Geldnachfrage.

Anpassungsprozesse bei einem Ungleichgewicht:

Übersteigt z.B. die Geldnachfrage das Geldangebot, herrscht zugleich ein Überschußangebot auf dem Wertpapiermarkt. Die Wirtschaftssubjekte wollen mehr Kasse halten und versuchen dies über den Verkauf von Wertpapieren zu erreichen Mit dem Überschußangebot sinkt der Preis (Kurs) der Wertpapiere und der Marktzins steigt genau solange, bis sich Geldangebot und Geldnachfrage wieder angeglichen haben.

Hier erfolgt die Anassung von Geldnachfrage und Geldangebot über den Zins.

3. Produktionsfunktion und Arbeitsmarkt:

Die Produktionsfunktion beschreibt den Zusammenhang zwischen realem Sozialprodukt und Beschäftigung. Mit zunehmender Produktion nimmt das Grenzprodukt der Arbeit ab.

Die Arbeitsnachfrage wird solange ausgedehnt bis die Grenzproduktivität der Arbeit gleich dem Reallohnsatz ist, d.h. bis die letzte produzierte Einheit genauso viel Ertrag bringt wie sie an Kosten verursacht hat.

Das Arbeitsangebot richtet sich nach dem Reallohn, wobei sich die Arbeitnehmer nach Keynes einer Senkung des Nominallohnsatzes (z.b. bei Tarifverhandlungen) wiedersetzen werden, aber das Angebot bei einer preisinduzierten Reallohnsenkung nicht verringern werden.

4. Reaktionen bei Störungen des Gleichgewichts:

Im Ausgangspunkt befindet sich die Wirtschaft im Gleichgewicht bei Vollbeschäftigung, d.h. alle Märkte sind im Gleichgewicht. Kommt es nun zu einer Störung, z.B. zu einem Rückgang des Investitionsvolumens aufgrund schlechterer Ertragserwartungen treten bei Keynes folgende Anpassungen auf:

Die gesamtwirtschaftliche Nachfrage geht zurück und damit auch die Produktion sowie in der Beschäftigung (Arbeitslosigkeit entsteht). Mit der enstandenen Arbeitslosigkeit sinkt das den Wirtschaftssubjekten zur Verfügung stehende Realeinkommen und damit auch die Geldnachfrage zu Transaktionszwecken. Die dadurch induzierte Zinssenkung wirkt als dämpfender feed-back-Effekt, da durch niedrigere Zinsen neue Investitionen stimuliert werden.

Darüber hinaus sinkt durch den Rückgang der Produktion auch das Preisniveau. Die reale Geldmenge steigt was einen weiteren Druck auf das Zinsniveau ausübt. Insgesamt können aber die beschriebenen feed-back-Effekte aber nicht wieder zur Vollbeschäftigung führen, da das niedrigere Preisniveau (bei konstantem nominalen Lohnsatz) einen höheren Reallohnsatz bedeutet und somit eine niedrigere Produktion und Beschäftigung.

Wirtschaftspolitische Implikationen:

Wichtig für das Verständnis der grundlegenden Keyneschen Theorie ist, daß die noch in Klassik vorherrschenden Trennung von realen und monetären Märtken, bei Keynes keine Gültigkeit mehr hat. Es gibt keinen Vollbeschäftigungsautomatismus und es besteht die Möglichkeit für gesamtwirtschaftliche Gleichgewichte bei gleichzeitiger Arbeitslosigkeit. Dies war im Vergleich zur damals herrschenden ökonomischen Lehrmeinung revolutionär. Darüber hinaus wird bei Keynes das Saysche Theorem, nachdem sich jedes Angebot seine Nachfrage schafft, verneint. Bei Keynes können die Wirtschaftspläne der Unternehmen im allgemeinen nicht verwirklicht werden.

Wie kann nun aber wieder Vollbeschäftigung hergestellt werden?

Hier kommen nun staatliche Eingriffe zur Wiederherstellung von Vollbeschäftigung zum tragen. Zum einen kann durch eine expansive Geldpolitik die Geldmenge ausgeweitet werden, um den Zins so weit zu senken bis durch die gestiegenen Investions- und Güternachfrage wieder Vollbeschäftigung erreicht ist. Die höhere Beschäftigung wird aber hier mit Reallohnsenkungen und einer höheren Inflation erkauft.

Eine Ausnahme bildet der Spezialfall der Liquiditätsfalle, bei die Erwartungen der Wirtschaftssubjekte so negativ sind, daß sie nur Verluste aus einem Wertpapiergeschäft erwarten, und das „Mehrgeld“ aus der expansiven Geldpoltik nur als Kasse halten. Die expansive Geldpolitik kann hier keine ausreichende Zinssenkung erreichen.

Die oben genannten, positiven Effekte treten gerade dann auf, wenn wie bei Keynes unterstellt, die Nominallöhne starr sind und sich aufgrund der Preissteigerungen keine höheren Nonimallohnforderungen ergeben. Dies kann bei einem kurz- bis mittelfristigen Zeithorizont durchaus realistisch erscheinen, da Tarifverträge mit einer 1-2 jährigen Laufzeit abgeschlossen werden. Inwieweit aber diese Reallohnsenkung nur temporär sind, und in die Nominallohnforderungen bei den nächsten Tarifverhandlungen eingehen und damit die kurzfristigen positiven Effekte wieder rückgängig machen, war insbesondere Kritik der Monetaristen am keynesianischen Modell.

Geld wird hier nicht nur, wie bei den Klassikern, als Schmiermittel für die Wirtschaft angesehen.

Eine andere Möglichkeit besteht in einer expansiven Fiskalpolitik.. Die staatlichen Ausgaben treten hier für die fehlenden und durch die Geldpoltik nicht stimulierbaren privaten Investitionen. Der Staat entfaltet eine zusätzliche Nachfrage am Kapital- und Gütermarkt. Mit der höheren Nachfrage steigt sowohl der Zins als auch das Preisniveau. Das höhere Preisniveau bewirkt wieder eine Senkung des Reallohns der zu einer höheren Produktion und steigender Beschäftigung führt.

Gerade die expansive Fiskalpolitik wurde in den 60iger und 70iger Jahren als gutes Instrument für eine staatliche Stabilisierungspoltik angesehen. Unbeachted blieb aber, (aus politischer und wahltechnischer Sicht durchaus verständlich) daß die positiven Effekte mit durch Preissteigerungen hervorgerufenen Reallohnsenkungen erreicht wurden. Diese werden jedoch bei den nächsten Tarifrunden in die Lohnforderungen der Gewerkschaften berücksichtigt, so daß sich letztendlich wieder das alte Gleichgewicht mit Arbeitslosigkeit einstellt, nur daß jetzt noch eine höhere Inflationsrate vorliegt.

Aber es kann nicht, wie bei den Monetaristen, behauptet werden staatliche Eingriffe, insbesondere fiskalpolitische, hätten nur negative realwirtschaftliche Effekte. Der Staat mit der Möglichkeit durch seine Ausgaben die Konjunktur im Rahmen seiner Möglichkeiten zu steuern ist nach meiner Meinung vorhanden. Er muß bloß die Grenzen dieser Steuerungsmöglichkeit erkennen und akzeptieren. Als Beispiel mag hier der Vorschlag einer negativen Einkommenssteuer dienen, mit dem gerade in Bereich der gering-qualifizierten Arbeitsnachfrage, Abhilfe geschafffen werden kann.

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